Was der US-Autor Jonathan Franzen auf einer einsamen Insel über das Internet lernt.
Die Autoren Jonathan Franzen und David Foster Wallace waren Freunde. Gemeinsam hatten sie die Bekämpfung der Einsamkeit des modernen Individuums zur Aufgabe der Literatur erklärt – auf einem leeren Parkplatz in Upstate New York, dem Symbol par excellence für die Entfremdungen des Spätkapitalismus. Das war Ende der Achtziger gewesen, lange bevor die beiden jungen Männer zur Zukunft der amerikanischen Literatur erklärt worden waren; lange bevor sie diese Prophezeiung mit Romanen wie Die Korrekturen und Unendlicher Spaß wahr gemacht hatten. Und lange vor David Foster Wallaces Selbstmord im September 2008, nach Monaten zermürbender Depressionen, während derer Franzen seinem Freund zur Seite gestanden hatte – mit schier unendlicher Geduld und doch, am Ende, vergeblich.
Nun, zwei Jahre nach Wallaces Tod, steht Franzen am einsamsten Ort der Welt: Masafuera, der Insel im Südpazifik, wo Daniel Defoe seinen Robinson Crusoe hatte stranden lassen. Auch Franzen ist hier gestrandet – sein Schiffbruch jedoch gewollt, selbst verordnete Auszeit, im Gepäck die Asche seines verstorbenen Freundes und eine tiefe, unverarbeitete Trauer. Der Abschied vor einem tiefblauen Pazifikhimmel gerät ihm zur Generalabrechnung mit dem radikalen Individualismus – einem Insel-Denken, das David Foster Wallace beherrscht hatte. Jedoch nicht nur ihn. Bei Franzen wird ein solcher Individualismus zur Ideologie unserer Tage. Denn das, woran er denkt, hunderte von Meilen entfernt vom Festland, der tote Freund nur noch Staub im warmen Wind des Ozeans, das ist Facebook, das Internet.
Medien verändern uns, prägen unsere Sinne – eine von Platon bis McLuhan gern wiederholte Einsicht. Vor- und Nachteile einer solchen Prägung sind jedoch oft nicht voneinander zu trennen. Die antike Papyrusrolle erlaubte die Speicherung von Gedanken, aber brachte mit sich einen Verlust an subjektivem Gedächtnis. Mit dem Fernseher kamen bewegte Bilder in jedes Wohnzimmer, doch zugleich verkümmerte die Fantasie des Publikums. Und das Internet, angepriesen als Spielwiese für Individualisten, droht heute, glaubt man Franzen, eben das zu erodieren, was der Individualist sich am meisten wünscht: Glück, Freude, Erfüllung.
Der Autor steht an den Klippen von Masafuera und erblickt in wuchernden Brombeersträuchern ein Bild für diese Gefahr. Die Brombeere war vom Festland gekommen, hatte die Insel-Flora durcheinander- und ursprüngliche Arten zum Aussterben gebracht. In ähnlicher Weise, reflektiert Franzen, dringen auch Medien in unsere Leben, überwuchern ältere Ego-Formationen. Bereits die Buchkultur der Moderne hatte den Gedanken entfaltet, das Individuum sei wie eine Insel, autonom und autark – primär verantwortlich für das eigene Leben. Im Massenmedium des 21. Jahrhunderts jedoch wird sich dieses Individuum nun mehr als zuvor seiner Selbst bewusst – durch unzählige Stunden virtueller Selbstbespiegelung, in Blogs und sozialen Medien. Und ein solcher Narzissmus, so Franzen, nähre die Illusion, nichts außerhalb der Insel unseres Selbst sei von Bedeutung. „Statt die Nachrichten heißt es heute meine Nachrichten,“ wird er später schreiben, in einem Essay im New Yorker. Und, mit Blick auf ein weiteres Medienphänomen, konstatieren: „Das Individuum läuft heute Amok, jeder ist ein Charlie Sheen.“
Franzens bitterer Vergleich ist angebracht. Wie Sheen, der alternde Hollywood-Star, dem der Kontakt zur Realität abhanden gekommen zu sein scheint, treiben auch Internet-Surfer leicht hinaus auf den Ozean – irgendwann so weit entfernt vom Festland, dass ihnen nichts anderes bleibt, als sich mit sich selbst zu beschäftigen. Und das ist, zumindest teilweise, ein strukturelles Problem des Internets mit seinen endlosen Verlinkungen und Verweisen. Wer da dem Hunger nach immer neuen Reizen nicht Einhalt gebietet, wird sich irgendwann in der Unendlichkeit des neuen Mediums verlieren. Denn Lebensentwürfe und Glücksversprechungen finden kein Ende im World Wide Web. Das Internet ist das perfekte Medium für eine Konsumkultur, die künstliche Bedürfnisse erzeugt und von den Unsicherheiten des vergesellschafteten Menschen lebt. Als Orientierungspunkt aber, für Selbst- und Welterklärungen, eignet es sich nicht. Denn was im Netz allzu oft verloren geht, ist die Idee der Wahrheit – die Annahme, es gebe überhaupt so etwas wie die Nachrichten.
Franzen ist Romancier. Dass er das junge Medium in den Kontext der Literaturgeschichte stellt, ist somit nicht überraschend. Sein Gedankengang jedoch macht den Blick frei für das, was das Internet als Ausdrucksform unserer Zeit vermissen lässt. Romanfiguren, erinnert Franzen an eine These des britischen Schriftstellers Henry Fielding, seien „etwas mehr“ als Individuen, allerdings „etwas weniger als allgemein.“ In der Tat, fiktionale Charaktere wie Raskolnikoff und Madame Bovary sind typisch genug, um vom Leser als geistesverwandt erlebt zu werden, ihre Erlebnisse jedoch so verschieden, dass die Abgrenzung zum fremden Bewusstsein möglich bleibt. Der Leser kann sich in sie einfühlen, weil sie einem bestimmten Typus entsprechen. Und es ist diese Idee des Typus, die laut Franzen mit dem Siegeszug des Internets zu verschwinden scheint.
Wir machen Gebrauch vom Begriff des Typus, wenn wir uns auf allgemein erfahrbare Regelmäßigkeiten beziehen. „Aus der Eichel wächst ein Baum,“ sagt der Gärtner, und meint damit nicht, dass aus jeder beliebigen Eichel einmal ein Baum werden wird. Im Grunde spricht er auch gar nicht von einer bestimmten Eichel, sondern von einer Fiktion: die Eichel, eine ideale Frucht, die niemand je in Zeit und Raum finden wird. Und dennoch ist diese Fiktion von größter Bedeutung, wenn es darum geht, auszudrücken, was typischerweise mit Eicheln geschieht – ohne dem Einzelfall damit seine Bedeutung zu nehmen. Was wir also mit Sätzen über die Eichel schaffen, ist Orientierung darüber, was von jeder einzelnen Eichel zu erwarten ist. Und auch Sätze über den Menschen schaffen eine solche Orientierung.
Eicheln werden bestäubt, sie reifen, schließlich wächst aus ihnen ein Baum – der Typus der Eichel ist festgelegt, naturgemäß. Vom Menschen lässt sich ähnliches schwerlich behaupten. Die Kriterienliste, anhand der wir den Menschen beschreiben, ist offen. Vielleicht das einzige, was mit Nachdruck von diesem Typus behauptet werden kann, ist seine Reflexivität: Der Mensch ist dasjenige Lebewesen, das noch etwas aus sich machen kann. Und jeder Roman, der ambitioniert genug ist, in individuellen Figuren etwas Allgemeingültiges aussagen zu wollen, ist im Grunde ein Vorschlag des Autors, welche Eigenschaften wir dem Menschen zuschreiben sollten. Dass der YouTube-User, der sein Leben filmt und ins Internet stellt, seinen Upload im gleichen Sinne als Diskussionsbeitrag zur Frage nach dem Wesen des Menschen versteht, ist eher zweifelhaft.
Geschichtlich gewachsene Annahmen über allgemeine Typen aber sind unabdingbar, wenn wir uns selbst verstehen wollen. Dem Individualisten vergangener Jahrhunderte standen sie zur Verfügung in den dominanten Unterhaltungsformen seiner Tage, Romane und Erzählungen. Durch Bücher konnte er einen Blick von der Insel seines Egos auf das Festland werfen – das eigene Leben mit dem vergleichen, was ihm an allgemeinen Typen angeboten wurde, und in Abgrenzung und Angleichung eine Identität konstruieren. Der heutige Individualist aber, dem als Orientierungspunkte Home Videos und Selbstdarstellungen in sozialen Netzwerken dienen, wird auf sich selbst zurückgeworfen. Ihm fehlt der Blick zum Festland – der Horizont seiner Welt ist endlos wie das Internet selbst. So ist es kein Wunder, dass er die regulative Idee aufgibt, es gebe so etwas wie die Nachrichten, die Wahrheit. Doch alles wird damit relativ zur eigenen Insel – der scheinbar einzig wahren Realität. Und das Festland, die Gemeinschaft der anderen, verschwindet irgendwann aus dem Bewusstsein. 
Der Preis, den wir für eine solche Amnesie zahlen, wird Franzen offenbar im Ableben seines Freundes. Franzens Analyse zufolge war David Foster Wallace nicht einfach nur depressiv. In seinem Freitod sieht Franzen auch das Scheitern einer Ideologie. David hatte sich, in bester Tradition des Individualismus, vom Festland abgeschnitten, irgendwann auch keine Nachrichten mehr abgeschickt – konzentriert nur auf die eigenen Geschichten. Und da David das eigene Ego keine Zufriedenheit und Stabilität bieten konnte, stellt Franzen dem radikalen Individualismus ein Armutszeugnis aus: „Man kann sagen, dass David an Langeweile gestorben ist.“ Da ist es wieder, in etwas anderer Formulierung: das Gespenst der Einsamkeit, mit dem die beiden als junge Männer gerungen hatten, auf dem Parkplatz in Upstate New York. Nun, zwei Jahrzehnte später, gestärkt von einer Massentechnologie, die dem Insel-Denken in die Hände spielt, droht Einsamkeit zur globalen Gesinnung zu werden. Den Freund, der wie kein anderer an den Paradoxa dieser Ideologie gelitten hatte, sieht Franzen dabei als abschreckendes Beispiel – zugleich Vorreiter und Opfer einer Kultur des radikalen Individualismus.
Der Moment, in dem er die Urne des Freundes öffnet und in den Wind hält, wird somit zum Exorzismus: Franzen verstreut mit David Foster Wallaces Asche auch die Idee des Individualismus über dem Meer, macht sich frei davon – wieder eingenommen von Gedanken an die Gemeinschaft anderer Menschen. An den Klippen der einsamen Pazifikinsel erinnert er sich an Facebook und erblickt inmitten all der Selbstdarstellungen seiner radikalen Individualisten ein unwahrscheinliches Symbol der Hoffnung: Facebooks Beziehungsstatus, dem Autor ein „ontologischer Notausgang“ – zurück zum fernen Festland, zum direkten Kontakt von Mensch zu Mensch. Denn die vieldeutige Option „It’s complicated“, oft ein Euphemismus für bereits beendete Beziehungen, liest er als Beschreibung aller menschlichen Kontakte. Seine Interpretation wird so zur Antwort auf die philosophische Herausforderung von Davids Selbstmord: Ja, denkt Franzen, das Zusammenleben mit anderen ist kompliziert – und das ist ein Glück! Denn angesichts solcher Komplikationen, schließt er, „wie können wir es wagen, uns zu langweilen?“
Franzens Kritik ist psychologisch verständlich. Er ist der Überlebende, der sich abgrenzen muss von den Gedanken des Freundes. Seine Ablehnung des Individualismus ist auch eine Antwort auf die Frage: warum David, und nicht ich? Doch, animiert vom eigenen Überlebenswillen, treibt Franzen dem Internetzeitalter etwas zu viel aus. So emphatisch kontrastiert er den radikalen Individualisten mit dem Menschen als zoon politikon, dass ihm entgeht, dass er die gewünschte Schlussfolgerung in die Prämissen seines Arguments hinein schmuggelt. Der Autor beschreibt die Profile von Facebook-Mitgliedern als „selbst-zentrierte Projektionen“ und begeht damit, was man in der Philosophie einen Zirkelschluss nennt. Denn er scheint schon im Vorwege entschieden zu haben, wer hier vornehmlich wen betrachtet – ungeachtet der Tatsache, dass es sich bei Facebook um ein soziales Netzwerk handelt.
Facebook-Nutzer, soweit ist Franzen zuzustimmen, projizieren ihre Selbstentwürfe ins Cyberspace, arbeiten an sich selbst vor den Augen der anderen. Nur eben, und hier irrt der Autor, auch für die Augen der anderen. Der homo facebookus hat das Festland nicht vergessen. Im Gegenteil, der interaktive Aspekt des Internets dominiert heute, vereinfacht Geschäftsbeziehungen und Freundschaften. Und sogar dem Narzissmus der Internet-Generation lässt sich etwas Positives abgewinnen. Ein Facebook-Profil ist wie ein Selbstportrait. Darin hast du sie vor dir – die eigene Persönlichkeit, von dir selbst entworfen. Du wirst an bereits eingeschlagene Richtungen erinnert, kannst dem Strom deines Lebensflusses folgen oder Seitenarme erkunden. Unter einem solchen Betrachtungswinkel schließlich sind soziale Medien wertvolle Werkzeuge bei der Konstruktion einer kohärenten Identität – neben Romanen und Erzählungen mit ihrem Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Denn auch YouTube und Facebook werden solche Literaturerzeugnisse nicht aus dem Leben der Menschen vertreiben. Keine Angst, möchte man dem Autoren zurufen – die Insel unseres Selbst ist groß, Jonathan! Die Brombeere lässt noch genügend Platz für andere Arten.
Pics: Pato Novoa, DG Jones
