Der digitale Souverän (III)

Ob das Internet jemals ein regelloser Raum war, sei einmal dahingestellt. Gedacht aber war es wohl anfänglich in der Tat für eine Art Naturzustand – einen apokalyptischen allerdings. 1957, die Sowjets hatten soeben den ersten Satelliten in die Erdumlaufbahn geschossen und damit bewiesen, dass sie einen nuklearen Erstschlag ausführen konnten, rief die besorgte Regierung Eisenhower eine neue Behörde ins Leben: die Advanced Research Projects Agency (ARPA), eine Art schnelle Eingreiftruppe in technologischen Fragen. Man hatte sich, so der Tenor in US-Regierungszirkeln, in Sachen Technik den Schneid abkaufen lassen. ARPA sollte nun dafür sorgen, dass Ähnliches nie wieder passieren würde. Stimmen in der neuen Behörde forderten bald lauthals die Etablierung eines Kommunikationssystems, das auch noch im Falle eines Atomkrieges Informationen verschicken könnte. Der Name des Netzwerks: ARPANET.arpa

Wenn der kanadische Theoretiker Marshall McLuhan Recht damit hatte, die heutige Netzwelt ein „globales Dorf“ zu nennen, so war diese anfänglich in der Tat nicht viel größer als ein Dorf. Gerade einmal vier Rechner umfasste das ARPANET-Versuchsnetz, das am 29. Oktober 1969 online ging. Drei der Computer standen an Universitäten in Kalifornien, einer in Utah. Doch ihre geographische Nähe täuscht aus heutiger Sicht allzu leicht darüber hinweg, dass es sich bei diesen vier Computern um sehr verschiede Maschinen handelte. Ende der 60er Jahre konnte man nicht einfach in einen Laden gehen und denselben Computer mit dem Fruchtlogo erwerben, der heute auf jedem Tisch im Café um die Ecke steht, neben Milchkaffee und Mobiltelefon. Es war die Zeit der Tüftler, der Prototypen und bahnbrechenden Erfindungen. Verschiedene Forschungseinrichtungen entwickelten ihre eigene Hardware und Software, und so waren auch die ersten Rechner, die im ARPANET zusammengeschlossen wurden, so heterogen wie verschiedene Lebensformen.

Menschen, die miteinander kommunizieren wollen, benötigen eine gemeinsame Sprache, einen regelhaften Kodex an Verhaltensformen. Besonders deutlich wird dies auf einem Staatsempfang, auf dem nur ein Protokoll dafür sorgen kann, dass das Aufeinandertreffen höchst unterschiedlicher Kulturkreise nicht im Fauxpas endet. Ein solcher Fauxpas ist meist nichts anderes als ein Mangel an allseits bekannten Verhaltensregeln. Kann ich mit einer Geste nichts anfangen, weil ich nicht in der Lage bin, sie richtig zu deuten, so wird auch meine Antwort einem Gegenüber „falsch“ erscheinen – und das Kommunikationschaos perfekt machen. Computer befinden sich im Grunde in einer ähnlichen Situation. Auch ein Computer muss Zeichen, in diesem Fall elektrische Impulse eines anderen Computers, deuten, um „richtig“ auf sie reagieren zu können. Die Architekten des ARPANET machten sich daher daran, ein Protokoll zu entwerfen, welches festlegte, wie zwei Rechner im Netz miteinander kommunizieren können.

impUnd so wie die Bewohner eines Dorfes wohl nach einer gewissen Zeit ein Postsystem einführen werden, das ihnen die direkte Zustellung von Nachrichten abnimmt, schufen auch die Architekten des ARPANET eine Art unabhängiges Zustellungsnetz: Minirechner mit dem Namen Interface Message Processors (IMP) sollten den über Telefonleitungen verbundenen Rechnern vorgeschaltet werden und die Entwicklung der Netzwerkprotokolle vereinfachen. Denn wie die einzelnen Rechner mit diesen Verbindungsknoten kommunizieren würden blieb den Instituten in Kalifornien und Utah überlassen. Das Subnetz der IMPs hatte sich um solche Details nicht zu kümmern. Es stellte lediglich ein in sich funktionierendes Kommunikationsnetz zur Verfügung – ein offenes System standardisierter Verbindungsknoten, auf das prinzipiell jeder Computer zugreifen konnte, der sich an die Vorgaben des Netzwerkprotokolls hielt. Es ist dieser offene Charakter des militärischen ARPANET, der bis heute den Erfolg und die rasante Entwicklung auch des zivilen Internets garantiert.

Und rasant war sie, diese Entwicklung. Zwei Jahre nachdem das erste Versuchsnetz ins Leben gerufen worden war, umfasste das ARPANET bereits 23 Rechner. Als zehn Jahre später der 500. Rechner an das Netz angeschlossen wurde, machte sich unter US-Militärs die Angst des Goetheschen Zauberlehrlings breit: „Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los.“ Noch im selben Jahr, 1983, spaltete die amerikanische Regierung das Netz daher auf – in einen militärischen und einen zivilen Teil. Doch innerhalb weniger Jahre wuchs auch dieses zweigeteilte Netz auf eine Größe an, welche die Systemarchitektur des ARPANET überforderte. So wurde 1989, bei einer Größe von 150.000 vernetzten Computern, der letzte IMP des ARPANET abgeschaltet. Was im kalten Krieg begonnen hatte, geboren aus der Angst vor einem Atomkrieg, fand sein Ende passenderweise im Zeitalter von Perestroika und Glasnost. Der Schatten des ARPANET jedoch ragte weit in diese neue Welt hinein. Denn nichts anderes als seine offene, dezentrale Systemarchitektur war der Grundstein für die globale Revolution des World Wide Web (WWW), die auch die von Gorbatschow und Reagan geschaffene neue Weltordnung auf den Kopf stellen sollte.

Anfang der 90er Jahre war das WWW noch nicht mehr als das Telefonverzeichnis des Kernforschungszentrums CERN – eine internationale Einrichtung, die sich zu einem Teil auf französischem Gebiet, zu einem anderen Teil jedoch auf dem Gebiet der Schweiz befindet. Da in beiden Ländern eine unterschiedliche Netzwerk-Infrastruktur herrschte, sahen sich CERN-Physiker, die Daten zwischen Laboratorien hin und her und damit über Ländergrenzen hinweg verschicken wollten, mit demselben Problem konfrontiert wie die ARPANET-Pioniere der späten 60er Jahre: Es galt, komplett verschiedene Computersysteme zu verbinden und ihnen eine gemeinsame Sprache beizubringen. Am CERN machte sich daher ein Mann namens Tim Berners Lee daran, ein solches Verwaltungssystem zu schaffen. Weihnachten 1990 präsentierte er seinem Arbeitgeber das Ergebnis seiner Mühen: der erste Browser, mit dem Namen World Wide Web.berners

Ein Browser ist wie ein Fernrohr, das entfernte Orte in den Fokus rückt – oder, weniger metaphorisch, auf entfernten Computern gespeicherte Informationen auch auf dem eigenen Rechner sichtbar macht. War Tim Berners Lees Browser noch dafür gedacht, die relativ geringe Distanz zwischen Frankreich und der Schweiz zu überbrücken, so eignete sich die zu diesem Zweck entworfene Technologie auch für weitaus größere Distanzen – sogar, der Name des Browsers legt dies nah, für den weltweiten Austausch von Informationen. Im März 1991 erstmalig am CERN eingesetzt, begann der WWW-Browser daher schon bald seinen Siegeszug um die Welt und inspirierte Fortentwicklungen mit so assoziationsreichen Namen wie Midas, Arena und Mosaic.

Bis Mitte der 90er Jahre war somit eine Reihe an frei verfügbaren Browsern auf dem Markt. Das Internet stand nun jedem offen, der einen Computer und ein Modem sein eigen nennen durfte. Und die Neugier auf das neue Medium war immens: Bereits vier Jahre nachdem Tim Berners Lee seinen Browser am CERN implementiert hatte, verdoppelte sich die Anzahl der ans Internet angeschlossenen Computer alle drei Monate. Der Architekt des ersten Browsers war erfreut ob dieses Erfolgs. Gleichzeitig aber sah er auch die Schattenseiten eines solch exponentiellen Wachstums: Hier ging es nicht mehr um den unschuldigen Austausch von Forschungsergebnissen; das Internet präsentierte sich Ende des letzten Jahrhunderts als digitales El Dorado – und Kunde davon machte unter gierigen Konquistadoren bereits die Runde. E-Commerce und dot.com-Boom waren die Schlagwörter der Stunde. Schon bald, erkannte der britische Informatiker, würden sich Monopole bilden; zentrale Angebote würden kommodifiziert werden, der offene, nicht-kommerzielle Charakter des Netzes verschwinden.

Genau dieser Charakter aber war es, der den Erfolg des Internets erst möglich gemacht hatte. Der freie Zugang, die jedem verfügbaren Browser – all das, wusste Berners Lee, hatte die Menschen überhaupt erst dazu angehalten, das Netz zu nutzen. Die Entwicklung von Internetstandards wie Kommunikationsprotokollen dürfte daher, so der Informatiker, nicht allein der Industrie überlassen werden. Unabhängige Institutionen hätten dafür zu sorgen, dass das Internet lebensfähig bleibe. Insbesondere galt es, das WWW davor zu bewahren, in eine Vielzahl an kostenpflichtigen Netzwerken bestimmter Anbieter zu zerfallen – ein Szenario, das heute warnend von Apologeten der Netzneutralität ins Spiel gebracht wird. So gründete Berners Lee 1994 das World Wide Web Consortium (W3C), deren Aufgabe es ist, im Zusammenspiel mit anderen Non-Profit Organisationen die Unabhängigkeit und Interoperabilität des Netzes zu gewährleisten.

Auch die Hacktivisten von Anonymous, mit ihrer Verteidigung des Rechts auf freie Meinungsäußerung, bekämpfen die Monopolisierung des Netzes. Sie schwächen die Macht von Internet-Giganten und repräsentieren damit eine Netzkultur, die in Anti-Kommerz-Impulsen und einem egalitären Gründergeist wurzelt. Ihre Nemesis dagegen, die Sicherheitsfirma HBGary Federal, steht für eine andere, neue Netzkultur. Indem Leute wie Aaron Barr ihre Dienste höchstbietend verkaufen, um im Internet vermeintlich für Sicherheit zu sorgen, spielen sie der fortschreitenden Zentralisierung des WWW in die Hände. Dass eine solche Zentralisierung des Internets jedoch den strukturellen Grundlagen seiner Systemarchitektur widerspricht, bemerken die Barrs dieser Welt nicht in ihrem merkantilen Enthusiasmus. Ihre neue Netzkultur ist blind für die eigene Geschichte und taub für die Warnungen ihrer Gründer. Sie ist wie ein Junge, der den Ast absägt, auf dem er selber sitzt.

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Dies ist der 3. Teil eines 4-teiligen Essays zu David Foster Wallace, Thomas Hobbes und dem Internet. Zum 1. Teil geht es hier, zum 2. Teil geht es hier.

Pics: Free Culture Foundation

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