Der digitale Souverän (IV)

Von den US-Militärs, die das ARPANET einfach abschalten konnten, wann immer es ihnen gefiel, bis zum heute notwendigen Standardisierungsprozess durch das W3C und ähnliche Institutionen – das Internet befand sich wohl an keinem Punkt seiner Entwicklung in einer Art anarchischem Naturzustand. Ähnlich wie Bürger eines Staates in diesen hineingeboren werden, so treffen auch neue User des WWW auf einen bereits regulierten Raum, in dem sich obendrein Monopolisten wie Google eingenistet haben. Googles enormer Einfluss beruht zwar zu einem großen Teil auf seinem Suchmaschinendienst, aber auch auf Lifestyleangeboten wie Gmail, Books und Calender, die von Usern über ein zentrales Benutzerkonto angesteuert werden. Wer heute das Internet als Kommunikationsmedium nutzen möchte, kommt an dem kalifornischen Unternehmen quasi nicht vorbei: Gibt es eine bessere Illustration der Bedeutung des Wortes „Monopol“ als diese Situation in den digitalen Medien am Anfang des 21. Jahrhunderts? US-Bundesrichter Denny Chin, der im März 2011 der Ambition des Unternehmens, der Welt größter Buchladen und digitale Bibliothek zu werden, einen Strich durch die Rechnung machte, scheint diese Frage für sich verneint zu haben. Nur sein Urteil, ein von Google und einer Autoren- und Verlegergruppe angestrebter Vergleich sei rechtswidrig, habe Googles „de facto Monopol“ Eintritt in den Buchmarkt verwehrt, so der Richter.nn18-hobbes-leviathan-detail

Internetnutzer treffen also, wie Staatsbürger, auf bereits gefestigte Machtverhältnisse. Soll uns Hobbes Staatstheorie daher, wie Wallace ja implizit behauptet, im Hinblick auf heutige Netzpolitik etwas sagen, so nur unter der kontrafaktischen Lesart des „Was-wäre-wenn“ – als Gedankenexperiment. Gesetzt den Fall, so müsste man Wallace nun paraphrasieren, das Internet hätte sich jemals in einem regellosen Naturzustand befunden, so hätten User, denen ein natürlicher Orientierungswille im neuen Medium unterstellt werden kann, keine andere Wahl gehabt, als ihr Recht auf das eigene Urteil aufzugeben und es einem digitalen Souverän zu übertragen. Und das, so die philosophische Pointe dieser Interpretation, allein aufgrund der Begrenztheit menschlicher Erkenntnis. Google wird so zum Leviathan, dem biblischen Seeungeheuer, das in Hobbes gleichnamigem Buch ein Bild für den absolutistischen Souverän abgibt: „God’s Lieutenant: to whom in all doubtfull cases, we have submitted our private judgments.“

Es ist eine Doppeldeutigkeit des englischen Verbs „to submit“, die Hobbes Worte in diesem Fall für Wallaces Vergleich von Netz- und Staatsphilosophie besonders ergiebig macht. Das Wort leitet sich ab vom lateinischen “submittere“ und heisst so viel wie „sich etwas unterwerfen“ – dem Urteil eines Souveräns zum Beispiel, auch eines digitalen. Seit dem späten 16. Jahrhundert kann „submit“ aber auch „etwas zukommen“ bedeuten. Und das ist es ja, buchstabengetreu, was wir tun: unser Werturteil, ablesbar am öffentlich zugänglichen Internetverhalten, Google zukommen zu lassen. Was Nutzer häufig verlinken, wird von Google als relevant eingestuft. Googles Urteil ist die Summe unserer Urteile, anhand gewisser Kriterien geordnet und übersichtlich als Suchergebnis dargestellt. Es ist ein Kollektivurteil, im gleichen Sinne, in dem das Urteil der Staatsräson durch die einzelnen Urteile der Bürger konstituiert ist. Die Urteilsmacht des digitalen Souverän besteht aus nichts anderem als den einzelnen Urteilen seiner Untertanen. Wir erschaffen den Leviathan, um uns ihm zu unterwerfen – Klick für Klick, Link um Link.

Googles Suchergebnisse sind jedoch alles andere als ein neutraler Spiegel unseres Willens. Auch Google ist gezwungen, aus der Menge an gesammelten Daten eine Auswahl zu treffen. Bei einer Anfrage erscheint daher diejenige Seite als relevantestes Suchergebnis, welche die meisten Verlinkungen von ihrerseits relevanten Seiten vorweisen kann. Ein Suchergebnis beruht damit auf einer Zahl – und ist scheinbar objektiv und unbestechlich. Wie der kanadische Journalist Malcolm Gladwell jedoch im Februar 2011 in einem schönen Essay im New Yorker darlegte, kann man mit quantitativen Analysen so ziemlich alles beweisen. Wer die Macht hat, die Kriterien festzulegen, die dann zu quantitativen Analysen führen, so Gladwell, legt damit im Grunde auch das Ergebnis fest. Im Internet ist Google de facto Herrscher über die Kriterien. Das Unternehmen entscheidet, was wichtig und unwichtig ist, relevant und irrelevant. Es gibt sich dabei außerordentliche Mühe, die unabhängige Qualität seines Dienstes zu garantieren. Der von Google verwendete Relevanz-Begriff aber ist die Achillesferse des gesamten Projektes.

plato-greek-philosopherBei Google soll Quantität Qualität garantieren. Etwas ist relevant, so die Denkweise, weil es am meisten verlinkt wurde. Nicht: Etwas wurde am meisten verlinkt, weil es relevant ist. Was Google dabei unter dem Deckmantel inhaltlicher Relevanz misst, ist eigentlich Beliebtheit. Und das notwendigerweise, denn ein Algorithmus besitzt keine Urteilskraft – er kann nur zählen, wie viele Internetnutzer eine bestimmte Seite verlinkt haben. Schon Platon aber wusste: Die Mehrheit kann sich irren. Der griechische Philosoph sah deutlich die Gefahren, die davon ausgingen, Wahrheit als Konsens der möglichst größten Zahl zu verstehen. Die Sophisten seiner Zeit standen auf den Marktplätzen und verstanden es, mit rhetorischen Tricks die Massen ihren Machtinteressen gemäß zu steuern. Wer am besten für sich warb, konnte für seine Dienste viel Geld verlangen. Auf dem virtuellen Marktplatz des 21. Jahrhunderts gelten ähnliche Regeln. Waren die Rhetoriker der Antike jedoch noch zutiefst vertraut mit der menschlichen Psyche, so helfen den Sophisten unserer Zeit primär Kenntnisse in Informatik und Netzwerktechnik. Sie schreiben für Googles Algorithmen – für Suchmaschinen, nicht für Menschen.

Denn nur wer den Suchkriterien des US-Unternehmens entsprechend publiziert, gilt im Internet als relevant. Erkennt daher der Google-Suchalgorithmus Bindestrichworte wie „Aus- und Weiterbildung“ nicht, so wird ein Autor eine solche Wortkombination wohl nicht benutzen – ungeachtet der Frage, ob sein Artikel darunter leidet. Sogar in die Auswahl der Inhalte spielt diese Logik hinein: Onlinemagazine wie die Huffington Post orientieren sich bei ihrer Themenwahl an populären Suchanfragen, in der Hoffnung, neue Leser auf die eigene Seite locken zu können. Googles Relevanz-Begriff wird so schließlich zur self-fulfilling prophecy: „Sieh,“ hört man einen Sympathisanten dieser neuen Textkultur sagen, „nicht nur Google mit seinem Suchergebnis, auch unabhängige Journalisten halten das Thema für relevant.“ Dass aber Googles Suchergebnis oft auch eine Ursache, nicht nur eine Folge der journalistischen Themenwahl ist, mag manch einer dabei gerne übersehen.

Denn in dieser neuen Textkultur gibt es eine Menge Geld zu verdienen. Die Huffington Post war Internet-Urgestein AOL im Februar 2011 315 Millionen Dollar wert. Die Marketingwelt hat in Suchmaschinenoptimierung (SEO), also dem Verkauf hoher Plätze bei Suchmaschinenanfragen, eine bislang unbekannte Einnahmequelle ausgemacht. Und so genannte „Content Farms“ wie eHow und Answer produzieren gleich ganze Webseiten zu beliebten Suchanfragen, um bei jedem Klick mitzuverdienen. Kein Geld der Welt aber kann vergessen lassen, dass das Zeitalter der Suchmaschinen in einer Sackgasse steckt. Denn Onlinejournalismus unter Googles Schirmherrschaft leidet an einem fundamentalen Strukturfehler: Je mehr Artikel nach Vorgaben von Algorithmen geschrieben werden, desto geringer fällt die Qualität der Artikel insgesamt aus. Je erfolgreicher eine Seite also in monetärer Hinsicht ist, desto schlechter sind oft ihre Inhalte. Die Tatsache, dass sich Online-Medien angesichts fehlender Finanzierungsmodelle mit Werbebannern über Wasser halten müssen, lässt erahnen, in welche Richtung die Entwicklung hier laufen wird. Google kann dagegen angehen, in einem Update nach dem anderen – das strukturelle Problem aber bleibt: Wer die neueste Version von Googles Algorithmus am besten bedient, gilt als relevant. SEO wird so wichtiger als fundierte Recherche, eine originelle Position, ein substanzielles Argument. Eine Suchmaschine aber, die irgendwann nur noch findet, was sie zu einem großen Teil selber vorgibt, führt sich selber ad absurdum.algorithm

Manche Webpropheten erklären das Zeitalter der Suchmaschinen daher bereits für beendet – eine überwundene Epoche, die ihren Nachfolger im Partizipationsnetz findet. In der Tat, im so genannten „Web 2.0“ sind es heute die Internetnutzer selbst, die Inhalte produzieren und weiterempfehlen. Soziale Medien wie Facebook und Twitter sind die Aushängeschilder von diesem „Netz-Update“, stellen sie doch quasi neutrale Plattformen zur Verfügung, über die Leute sich der Welt mitteilen können – weitestgehend unbehelligt und frei in der Auswahl ihrer Themen. Welche Rolle soziale Medien bei den Umstürzen in Ägypten und Tunesien im Winter 2010 auch gespielt haben mögen – eine geringe wird es nicht gewesen sein. Und auch der Revolution des Alltags bietet das Web 2.0 eine Reihe an Outlets. Manch ein User wird da auf Blogs oder Seiten wie Patch gleich zum Bürgerjournalisten, der über die Ereignisse seiner eigenen kleinen Welt berichtet. Googles problematischen Relevanz-Begriff vermeidet diese „zweite Version“ des Internets damit. Sachverstand wird wieder von Menschen verkörpert und im direkten Kontakt von User zu User weitergegeben. So entsteht zwar eine neue Medienelite – doch eine, die sich meist auf genuine Expertise stützt und zudem unabhängig von CEO-Entscheidungen und Börsenkursen ist.

Die gegenwärtige Zentralisierung auf wenige Gatekeeper, das ist die Hoffnung, kann für das Web 2.0 verhindert werden. In der Zukunft, so die Vision, werden wir Anfragen nicht an Suchmaschinendienste wie Google stellen, sondern an echte Experten: Blogger vielleicht, Freunde in sozialen Netzwerken, oder auch unabhängige Autoren, deren Meinung wir schätzen. Die Einführung von +1, Googles Social Networking Tool, das es Usern erlaubt, ähnlich wie Facebooks „Like“-Knopf, persönliche Empfehlungen zu publizieren, ist das bislang letzte Anzeichen, dass die Machtverhältnisse in den Medien zu kippen scheinen – beileibe jedoch nicht das erste. David Foster Wallace erahnte eine solche Entwicklung schon Mitte der 90er Jahre: „Die Menschen werden Hilfe dabei benötigen, eine Wahl zu treffen,“ sagte der Autor mit Blick auf die damals erst anlaufende Onlinerevolution. „Die Orte, zu denen sie gehen, um diese Hilfe zu erhalten, werden die Macht haben. Sie werden entscheiden; sie werden die Glaubwürdigkeit besitzen – das ist gut, weil es nicht genau die Situation ist, die wir derzeit in der Verlags- und Informationswelt haben. Aber es ist auch nicht komplett anders.“

Wie groß man den von Wallace erwähnten Unterschied zwischen traditionellen und digitalen Medien machen möchte, ist letztendlich wohl eine Frage des Temperaments. Hobbes, auf den sich Wallace in seiner Analyse beruft, wird als skeptischer Philosoph meist der Aufklärung zugerechnet, als Staatstheoretiker aber dem Absolutismus: Im absoluten Souverän endet jede Nachfrage, jeder Zweifel wird dogmatisch abgebrochen. Wallaces Philosophie war im Kern ähnlich konservativ. Der Mensch in seinem Bild ist keiner, der in stiller Reflexion zu Erkenntnissen kommt: „Menschen in einem Naturzustand,“ so Wallace in typisch existenziellem Duktus, „werden schließlich danach flehen, einen Herrscher zu haben.“

kant1Ein Blick zurück in die Menschheitsgeschichte jedoch lässt hoffen. Auf den Absolutismus folgte schließlich, Anfang des 18. Jahrhunderts, die Aufklärung. Der verzweifelte Sprung in die Arme des Despoten wurde ersetzt durch einen Glauben an die menschliche Vernunft: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ formulierte Kant den Wahlspruch der Aufklärung – und mit Hobbes „Widerstreit der Urteile“ im Sinn wird deutlich, wie viel Mut ein solcher Vernunftglaube kosten kann. Nicht mehr das Gewaltmonopol des Souveräns ist es, das einen ruhig schlafen lassen soll, weil es die Verbindlichkeit individueller Urteile verbürgt. An die Stelle von Autoritätsgläubigkeit tritt nun der Gedanke, dass es ein höheres Erkenntnisvermögen gebe, an dem jeder Mensch potentiell teil habe. Damit aber ergeht auch der Appell an das Individuum, dieses Vermögen auszuüben: Erst gemeinsame Vernunftaktivität, so die Idee, kann die Wahrheit ans Licht bringen, das Leben gelingen lassen. Der Despot wird so betrachtet zum notwendigen Durchgangsschritt auf dem Weg zu einer höheren Bewusstseinsstufe, keineswegs aber zum notwendigen Endpunkt der Entwicklung. Auch Wallace war die Idee des mündigen Bürgers sympathisch – seine eigenen Zeitgenossen dagegen oft weniger. Amerikaner seien in einem gewissen Sinne wie Kinder, ließ Wallace eine Figur in seinem letzten, unvollendeten Roman The Pale King sagen: „Wir treten unsere Bürgerpflichten an die Regierung ab und erwarten im Grunde, dass die Regierung die Moral per Gesetz erlässt.“

Vom Naturzustand, in dem die Menschen zueinander so sind wie Satellitenstaaten, hin zum Ideal einer Solidargemeinschaft unter Schirmherrschaft der Vernunft – für manch einen Aktivisten der US-Bürgerrechtsbewegung waren es wohl nicht zuletzt Akte zivilen Ungehorsams, die eine solche Bewusstseinsbildung einleiteten. Gemeinsam, so die Erkenntnis der Menschen, die zu Sitzstreiks zusammenkamen, war man in der Lage, die Welt zu verändern – von der Besetzung eines Restaurants bis zur Abschaffung der de facto Rassentrennung in den Südstaaten. Es bleibt zu hoffen, dass der zivile Ungehorsam virtueller Demonstranten à la Anonymous unserem Zeitalter zu einer ähnlichen Einsicht verhelfen kann.

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Dies ist der 4. Teil eines 4-teiligen Essays zu David Foster Wallace, Thomas Hobbes und dem Internet. Zum 1. Teil geht es hier, zum 2. Teil hier und zum 3. Teil geht es hier.

Pics: Philosophia, trinidade.joa, Philosophy Pages

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