Tim Personn

Writer, Teacher, Musician

Category: Essays & Arguments (Page 2 of 2)

Die konsequenteste Form des Lokaljournalismus

Lokaljournalismus ist eigentlich paradox. Einerseits öffnen sich Menschen einem Berichterstatter erst, wenn sie warm mit diesem geworden sind. Im Idealfall also, wenn er einer von ihnen ist. Das Authentische eines Ortes kann demnach nur einfangen, wer auch dort zu Hause ist, in Teilnehmerperspektive. Andererseits droht der klassische Lokalreporter nach Jahren der Berichterstattung zum Inventar zu werden, vereinnahmt von der allzu bekannten Umgebung. Da beginnt der Scharfblick des Journalisten leicht zu verschwimmen. Der Standpunkt des konsequenten Lokaljournalismus befindet sich also irgendwo zwischen der Neugier des Fremden, der noch klar sieht, und der Vertrautheit des Einheimischen, der an Plätze und Menschen gerät, die demjenigen, der nur als Fremdobjekt wahrgenommen wird, verschlossen bleiben müssen.

Eine interessante Antwort auf diese Herausforderung haben Esra Rotthoff, Alexandra Bald und Ana Lessing gefunden, Absolventinnen der Berliner Universität der Künste und die Herausgeberinnen des Magazins Berlin Haushoch. Beim Betreten ihrer Redaktion in Berlin-Mitte fühlt man sich wie in einer gemütlichen Studenten-WG. Und der Eindruck einer Wohngemeinschaft trügt nicht, auch wenn hier unter Hochdruck gearbeitet wird: Die drei jungen Frauen widmen sich jener Art von Dauerrecherche, bei der Leben und Job verschmelzen. Ein Jahr lang nehmen sie sich Zeit, um einen Berliner Kiez zu portraitieren, direkt aus dem Stadtteil heraus. Nach zwölf Monaten dann wandern das weiße Sofa, die selbstgezogenen Tomatenpflanzen und der große Schreibtisch der drei in den nächsten der 23 Bezirke der Hauptstadt – ganz nach dem Prinzip „Je näher, desto besser.“ „Lupenjournalismus“ nennt die Süddeutsche Zeitung solch handwerkliche Genauigkeit. Und wie mit der Lupe haben sich die drei in ihren bisherigen Heften an Berliner Klischees vorbei gearbeitet, um jene Authentizität aufzuspüren, die eben nicht einfach auf der Straße liegt, sondern in versteckten Gartenlauben im Wedding und auf dreckigen Tanzflächen in Charlottenburg.

In ihrem ersten Heft über Berlin-Marzahn stand noch die Designer-Vergangenheit der Herausgeberinnen im Vordergrund, mit außergewöhnlichen Fotostrecken, die den Stadtteil vornehmlich visuell darstellten. In einer mit „Plattensammlung“ betitelten Serie wurden so typische Plattenbauten zu modernistischen Blöcken, deren Bewohner die Kameralinse in „Gesichter eines Hauses“ einfing: immer nah dran, aber nie distanzlos. In der Wedding-Ausgabe lichteten sich die Herausgeberinnen in einer türkischen Metzgerei ab – in schicker Abendgarderobe und mit Ironie-Garantie. Inzwischen ist nicht nur der Umfang der Hefte fast um das Doppelte gewachsen, auch der Anteil an Texten nahm mit jeder Ausgabe zu. Renommierte Journalisten schreiben für Berlin Haushoch ohne Honorar – ein weiteres Zeichen für die außergewöhnliche Qualität und den innovativen Charakter dieses neuen Branchen-Darlings.

Aber auch die drei Herausgeberinnen verdienen kein Geld mit ihrem Magazin: Jeder Cent aus dem Verkauf wird in das nächste Heft investiert. Da Rotthoff, Bald und Lessing auch auf Anzeigen verzichten, erinnert ihre Unternehmenspraxis an den aus dem Eiskunstlauf geläufigen Zusammenhang zwischen Pflicht und Kür: Erst die Pflicht ihres gut laufenden Design-Büros „Haushoch“, mit dessen Einnahmen Miete und Lebenshaltungskosten während der Produktionsphase gedeckt werden, ermöglicht den drei jungen Frauen die Kür des anspruchsvollen Print-Objekts. In Sachen Vertrieb setzen die Macherinnen ebenfalls auf Unabhängigkeit. Nach dem Motto „Selbst ist die Frau“ wird sogar das Eintüten der Hochglanzmagazine zum Versand eigenhändig erledigt. Dass sich die drei 27-Jährigen in kluger Ressourcenverwertung auskennen, bewiesen sie auch, als sie das Heft über Charlottenburg als Abschlussarbeit an der Kunsthochschule einreichten und so nebenbei ihr Studium mit Auszeichnung abschlossen. Ob Produktion und Vertrieb ihres Magazins aber weiterhin nach der Devise „Do it yourself“ funktionieren werden, ist bei der großen Resonanz auf das Produkt fraglich: Wurden von dem Heft über Marzahn 1.500 Stück verkauft, betrug die Auflage der Charlottenburg-Ausgabe schon 10.000. Und dass das Heft über Berlin-Mitte diese Zahl noch übertreffen wird, bezweifelt keine der Macherinnen von Berlin Haushoch.

(Eine Version dieses Artikels ist erschienen in textintern 10/2010. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.)

Mit Heidi Han im grauen Herzen Europas.

Diese Stadt begrüßt mit Nieselregen. Schon auf der Gangway weht einem feuchter Wind entgegen. Hab ich Dublin jemals anders erlebt als unter einer grauen Wolkendecke?

Niemand scheint hier verhehlen zu wollen, dass es nicht warmes Sommerwetter ist, was Touristen in die dicht gepackten Straßen der Hauptstadt Irlands zieht. Ganze Heerscharen an Touristen: Kanadisches und amerikanisches Englisch hab ich hier schon gehört, und vom Unterschied nur durch Nachfragen gewusst; Irisch ist natürlich allgegenwärtig, mit diesem harten Zungenschlag, bei dem die Zunge sich einzurollen und dann Katapult-artig zurückzuschnellen scheint, aber auch Französisch, Spanisch und Polnisch; und einmal, an einer Straßenkreuzung, hörte ich einem Ehepaar dabei zu, wie es der Lieblingsbeschäftigung der Deutschen nachging – sich zu beschweren. In lupenreinem Sächsisch jedoch, weshalb ich bis heute nicht ganz sicher bin, ob der Grund ihrer Erregung tatsächlich der scheinbar ungeregelte Dubliner Verkehr gewesen war. Sächsisch ist mir fast ebenso fremd wie Gälisch.

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