Tim Personn

Writer, Teacher, Musician

Tag: Hegel

Whitmans Wunderkabel, oder: Was sucht die Seele im Internet?

Der amerikanische Dichter Walt Whitman war ein begeisterungsfähiger Mensch. Mit einem für das 19. Jahrhundert typischen Fortschrittsoptimismus feierte er nicht nur die transkontinentale Eisenbahn, sondern bedachte auch den Telegraphen, der die Menschen der alten und neuen Welt minutenschnell näher zueinander brachte, mit hymnischen Worten. Ein modernes Wunder sei diese Technologie, schrieb Whitman in Passage to India, bei der die See, so die typisch Whitmanschen Animismen, mit „eloquent gentle wires“ ausgelegt werde.

Und doch, wichtiger als der Sanftmut und die Wortgewandtheit der neuen Wunderkabel, wichtiger noch als sein eigener Enthusiasmus im Angesicht der technischen Möglichkeiten des Industriezeitalters, war Whitman die Anbindung an etwas viel Älteres: „Yet first to sound, and ever sound, the cry with thee O Soul, The Past! the Past! the Past! the Past!“ Auch durch die Kabel am Meeresgrund sollte der Ruf der menschlichen Seele erklingen, in einer ewig währenden Frage an die Vergangenheit. Wir, die wir uns heute für wieder andere Wunderkabel begeistern, sollten in diesen Whitmanschen Ruf der Seele einstimmen. Was aber ist es, was die Vergangenheit uns erzählen kann? Was können wir von ihr lernen, wenn es darum geht, das Internet, die mächtigste Innovation unserer Zeit, im Dienst der menschlichen Seele zu nutzen?

Wenn schon Vergangenheit, dann richtig. Gehen wir also weit zurück, ins vierte Jahrhundert vor Christus. Da sitzt in Athen ein Mann namens Platon in seiner Akademie, vor einer Gruppe auserwählter Schüler. Natürlich haben sie sämtliche Schriften ihres Lehrers studiert; die Akademie war ein esoterischer Zirkel, da kam beileibe nicht jeder hinein. So wissen all diese Schüler auf der halbkreisförmigen Bank vor Platon, was nun kommen wird. Eine Generalabrechnung mit der damals aufkommenden, das geistige Leben revolutionierenden Schriftkultur. Weil der Mensch inzwischen aufschreiben könne, was vorher noch durch beständige Wiederholung auswendig gelernt werden musste. Und daher, so führt der Philosoph aus, verkümmere sein Gedächtnis.

Die Schüler lauschen andächtig. Da erhebt einer von ihnen, ein neuer, der sich dem Meister gegenüber beweisen möchte, keck das Wort. Wo denn der Unterschied sei, will der Schüler wissen, ob man die Tafel des eigenen Geistes beschreibe, oder eine tatsächliche? Sei nicht letztere, in der Welt vorfindliche, sogar präziser, unbeugsamer? Warum sie also nicht begrüßen, diese neue Technik, die es erlaube, den Geist auf Angenehmeres zu lenken als auf die immer gleichen Simonides-Verse? Ein paar andere mögen den Dichter Simonides auch nicht sonderlich und beginnen zu lachen, doch verstummen schnell. Dies ist die Akademie, rufen sie sich zur Räson – ein Ort der ernsten Reflexion, kein Amphitheater. Doch öffentliche Approbation im Rücken, wähnt sich der Schüler schon stärker im Streit der Argumente und wirft noch hinterher, auch Platon selbst habe seine Gedanken ja schließlich dem Papyrus anvertraut. Werde damit seine Position nicht widersprüchlich?

Der große Dialektiker erhebt sich und schmunzelt. Tatsächlich, beginnt Platon, schätze auch der philosophos die Möglichkeit, in Schrift das Erkannte festzuhalten. Nichts, sinniert er, bereite ihm mehr Freude als das Spiel mit den Worten, des Abends, allein mit Wein und Rohrfeder, wenn die Musen sich für das morgendliche Opfer erkenntlich zeigen. Einen Moment blickt Platon in die Ferne und der Schüler lächelt, glaubt sich siegreich. Doch dann fasst sich der Philosoph und geht einen Schritt auf seine Zuhörer zu: Ob er, der Schüler, aber merke, was er gerade getan habe? Seine eigene Rückfrage an den philosophos: Könne er eine solche auch an die Schrift richten? Könne die Schrift nicht immer nur das Gleiche sagen, ob der Schüler nun verstanden habe oder nicht?

Und dann redet Platon nach einer Pause, während der man das Rascheln von Sandalen im Sand hören kann, wieder zum ganzen Auditorium, sein Ton nicht mehr die barsche Zurückweisung eines Einwandes. Wer liest, sagt er mit dem Duktus des Wissenden, der tut dem logos des philosophos Gewalt an. Wer liest, muss eine fremde Stimme in seine eigene Stimme hinüberziehen. Stößt er dabei auf etwas, was er nicht versteht, so kann er nicht fragen, wie es gemeint war. Denn der Schreiber ist nicht anwesend. Und die Schrift wird ihm nicht antworten. So spricht er in seiner Seele mit einer Doppelstimme – nicht ganz die fremde des Schreibers, aber auch nicht ganz seine eigene. Die Schüler nicken, als der Philosoph ergänzt, nur im mündlichen Gespräch, wie hier in der Akademie, spreche jeder mit seiner eigenen Stimme. Nur im Gespräch sei jeder eins mit sich selbst. Die Schrift dagegen, fasst Platon zusammen, hebt diese Einheit auf und führt zu Missverständnissen, die weder durch Interventionen des Schreibenden, noch durch Nachfragen des Lesenden geklärt werden können. Auch der Neuling unter den Schülern nickt nun bedächtig, und bleibt noch stumm, als der Zirkel der Auserwählten gedankenversunken einer nach dem anderen die Exedra, den Vorlesungssaal, verlässt.

So wie der mutige Schüler können auch wir von unserem Besuch in der platonischen Akademie die Erkenntnis mitnehmen, dass die Schrift entfremdet, dass sie die ursprüngliche Einheit der Mündlichkeit aufhebt – die direkte Konfrontation von Proponent und Opponent. Es wird fast zweieinhalbtausend Jahre dauern, bis ein anderer mutiger junger Mann namens Marshall McLuhan eine Rückkehr dieser ursprünglichen Einheit erkennen will. Wohl ohne es zu wissen, wird der kanadische Theoretiker das dialektische Denkmodell der Hegelschen Philosophie auf die Entwicklung der Medien übertragen und im Fernsehen eine Aufhebung der Entfremdungen der Schriftkultur erblicken. Und, Platon wäre selig gewesen, im Gespräch wird McLuhan die kryptischen Gedanken seines Pop-Literatur-Klassikers Understanding Media verwirrten Lesern erläutern müssen. So wie an einem verregneten Nachmittag Mitte der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, in einem Hotel-Café in Toronto.

Ob McLuhan das tatsächlich behaupten wolle, will der Interviewer eines Kultur-Magazins wissen: Dass Inhalte im Grunde irrelevant, die diese Botschaften transportierenden Medien aber dagegen von größtem Einfluss auf die geistige Entwicklung der Gesellschaft seien? Der Befragte nickt cool. Würde das aber nicht bedeuten, ereifert sich der Journalist, dass Kriegsreportagen die gleichen Auswirkungen auf eine junge Psyche hätten wie Kinderprogramme? Ob er das ernsthaft meine? McLuhan zuckt mit den Schultern und sagt schlicht: Ja.

Schauen Sie, beginnt er seinem aufgebrachten Gegenüber zu erklären, ich unterscheide zwischen heißen und kalten Medien. Ein heißes Medium verlangt vom Konsumenten weniger Beteiligung als ein kaltes. Der Journalist, der als Student Platon gelesen hat, denkt einen Moment nach und fragt: Also ist ein Buch heißer als ein Dialog? Genau, stimmt McLuhan zu, und das Fernsehen kälter als das Buch. Etwas eingenommen von dieser neuen Terminologie nickt der Journalist zunächst, stutzt dann jedoch, und gibt zu bedenken, dass das Fernsehen doch viel passiver mache. Dass doch ein Buch viel mehr Fantasie erfordere, um verstanden zu werden; schließlich müssten da doch Worte in geistige Bilder umgewandelt werden – beim Fernsehen müsse man ja nur hinschauen. Der Medientheoretiker kratzt sich am Kopf; er hat das schon so oft erklärt, irritierte Zuhörer in die Untiefen seiner Gedanken hinabgeführt.

Aber ignorieren wir McLuhans Antwort, sie wird auch uns nicht erhellen. Verlassen wir das Café, das Wichtigste haben wir gehört. Und auch wenn man McLuhans griffige Zuspitzungen nicht mitmachen möchte, so hat er sicher darin recht, dass Medien keine neutralen Hüllen sind – Vasen, in denen Inhalte transportiert werden; selber nur schmucke Vehikel, ohne Einfluss auf Sender und Adressaten. Nein, Medien verändern uns, prägen unsere Sinne. Nichts anderes als diese Einsicht liegt ja schon Platons Schriftkritik zu Grunde. Aber auch McLuhans engagiertem Gesprächspartner ist zuzustimmen, wenn er die These kritisiert, das Fernsehen erfordere gegenüber dem Buch eine erhöhte Interaktionsbereitschaft, sei daher gar so etwas wie die Wiederherstellung der Einheit des mündlichen Gesprächs auf höherer Ebene. Dem Mann ist auf die Schulter zu klopfen und beizupflichten: Fernsehen und Film, primär optische Medien, lassen die Vorstellungskraft des Menschen verkümmern, da sie all das einfach zeigen, was sich der Lesende noch vors geistige Auge rufen musste.

McLuhan hat die Geburt des Internets als populäres Massenmedium nicht mehr erlebt, er starb Anfang der achtziger Jahre. Aber sicherlich hätte er – als Methusalem, der er nicht geworden ist – im Netz ein Konglomerat aller vorherigen Medien erblickt. Vielleicht wäre ihm aufgegangen, dass erst das Internet, nicht schon das Fernsehen, die Rückkehr zu einer ursprünglichen Direktheit möglich macht – und das nicht unter Verzicht auf errungenen Fortschritt, sondern unter Einbindung der Dauerhaftigkeit des Schriftlichen und der visuellen Kraft des Fernsehens. Das Internet ist objektives Gedächtnis und Bildmaschine, aber es ist eben auch eine digitale Agora. Als solche vernetzt es Menschen, die sich sonst nie im Leben zu Gesicht bekämen. Wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, liegt in dieser Unmittelbarkeit die Chance, die weitreichenden Forschungsprojekte unserer Zeit über globale Netzwerke zu diskutieren und so zu bestmöglichen, alle relevanten Einwände integrierenden Thesen zu gelangen, nach denen sich dann unser Handeln als Menschheit richten kann. Unter Rückbesinnung auf den unternommenen Ausflug in die Geschichte der Medien ließe sich dazu ergänzen: Es gilt dabei, die Einheit des mündlichen Gesprächs wieder herzustellen.

Das Internet nur für Entertainment zu nutzen, wäre schade. In der Idee des Netzes als weltumspannendem Marktplatz dagegen liegt die Möglichkeit, Proponenten und Opponenten verschiedener Erdteile einander direkt zuzuführen. Die Technologie dafür liegt ja schon bereit. Wäre es nicht möglich, Algorithmen wie den der virtuellen Kontaktmaschine Chatroulette, bei der die Kontaktfreudigen unser oft einsamen Digitalwelt per Zufallsprinzip aufeinander treffen, so umzuprogrammieren, dass Teilnehmer an politischen Diskussionen einander zugewiesen werden? Dass jemand, der einen Einwand zu einer aufgestellten These hat, dem Proponenten per Webcam begegnen könnte, weil das Programm den thematischen Bezug erkannt hat? Entwicklungen im Bereich der latent semantischen Suchmaschinenoptimierung lassen auf derart „intelligente“ Algorithmen hoffen. Und ließe sich so nicht auch das Versprechen globaler Meinungsfindung mit der platonischen Forderung verbinden, ein Proponent müsse seinem logos helfen, seinen Zuhörern direkt Rede und Antwort stehen können?

Natürlich lauern auch im Internet die Gefahren vergangener Technikrevolutionen – der Verlust an subjektivem Gedächtnis, das Verkümmern bildlicher Fantasie. Von Platon aber lässt sich lernen, dass man neue Medien nicht bewältigt, indem man sie ignoriert. Um an den mutigen Einwand des Schülers in der Akademie zu erinnern: Auch Platon hat geschrieben. So gilt es, die neuen Medien nicht zu verteufeln, sondern sie zu feiern wie Whitman seine „gentle eloquent wires.“ Erinnern wir uns also an die Geschichte der Medienrevolutionen und schicken wir durch die global verlaufenden Kabel unserer Zeit, über Satelliten und durch Funknetze den Whitmanschen Ruf „The Past! the Past! the Past! the Past!“ Soll es wahrhaftig im Dienst der menschlichen Seele stehen, so muss auch das Netz letztlich zu einer ursprünglichen Direktheit zurück führen, zum Kontakt von Mensch zu Mensch.

Braucht der Weltgeist ein Facebook-Profil?

Der Weltgeist, proteischer Genosse der Zeit, aus den Wirren des Napoleonischen Europas ins Bewusstsein des Beamtensohns Gottfried Wilhelm Friedrich Hegel gestiegen, um sich nach dessen Ableben im Diesseits der Marxisten einzurichten, fasst sich wieder. In einer Sphäre, wo sich abbildet, was in der Welt so vor sich geht; welche Ideen diskutiert und verwirklicht werden. Wo alle Denkoptionen nebeneinander stehen, gesammelt, in verschiedenen Zeichen und Systemen; wo, in Gänze gedacht, die Gesamtheit des menschlichen Reichtums aufscheint – ein Ausschnitt aus der unendlichen Menge an Aspekten und Hinsichten, die auf den unerreichbaren Gegenstand Welt gerichtet werden können. Die Apologeten der neuen Medien haben Recht, auch wenn sie das anders meinen: Die Wahrheit liegt im Internet – potentiell zumindest.

Hochmetaphorisch das ganze, und doch reden wir kaum anders, vom Schulkind bis zum Geschäftsführer. Man trifft sich im Netz. Man findet auf Facebook etwas über den besten Freund heraus, auf dessen Pinnwand. Später schickt man ihm vielleicht das digitale Äquivalent einer Depesche, schneller als alle Pferde der Welt zusammen. Eine Welt wird da von uns heraufbeschworen, herbeigeredet. Selbstverständlich nicht nur eine reine façon de parler – das dürften diejenigen am besten wissen, die mit in diesem Jenseits verdientem Geld die Miete bezahlen. Manchmal ist es instruktiv, sich abseits zu stellen, wie ein Anthropologe, und diesem merkwürdigen Geschehen zuzuhören, es zu beobachten. Da sitzen Millionen vor kleinen Kästen oder starren auf tragbare Miniaturversionen, reden von unsichtbaren Plätzen und Dingen. Vom Netz – nirgendwo zu finden, hier, im Reich von Raum und Zeit. Von Suchmaschinen – sicher ganz andere Gebilde als die Maschinen, die noch unsere Großväter schweißbefleckt bedient haben. Von Crawlern – kleine Insektenprogramme, die durch das Netz eilen, Informationen aufsammeln wie Bienen Blütenstaub, um sie auf Servern abzuladen, nahrhafter Honig für orientierungshungrige User.

Lauter abstrakte Gegenstände, die wir im Sprechen miteinander erschaffen. Lauter magische Orte und Vorgänge. So anders ist das nicht, wenn ein Voodoo-Priester redet oder wenn der Urmensch die Götter im eigenen Leben walten sieht. Ceres, deren Gnade das Feld fruchtbar macht, die Ernte gelingen lässt. Thor, der Blitze schickt, das Firmament mit seinem Hammer zum Erzittern bringt. Wir glauben uns weit abseits solcher Beschwörungsformeln, aber die Kräfte unserer Zeit sind nicht erdgebundener. Unser Mythos ist das Internet, wo Bewusstsein ausagiert und gespeichert wird, wo der Weltgeist zu sich selbst kommen kann, sich als verwirklicht sehen kann, im unmöglichen Blick auf das Ganze. Wo er seinen eigenen Fortgang beobachten kann, verewigt in Serverfarmen, von heißem Sand umgeben. Wollte man streng reden, wie viele dieser Worte müsste man in Anführungszeichen setzen. Überhaupt, wie viele Worte der Umgangssprache? Unsere Welt auf rein Konkretes zu beschränken wäre nicht nur schade, es wäre auch ein Verlust an Erkenntnis, es würde den Geist beschneiden. Das gemeinsame Sprechen schafft Realitäten. Treffe ich mich mit dir bei Facebook, so ist das, als gingen wir zu einem gemeinsamen Freund. Treffen wir uns auf Facebook, so ist die Internetplattform eine Art digitale Agora.

Diese zweite Metapher deutet aber schon darauf hin, dass hier auch ein Potential versteckt ist. Natürlich kann man sich bei dem Freund nur zum Vergnügen treffen. Auch auf dem antiken Marktplatz mag ja der gemeinschaftliche Aspekt eine Rolle gespielt haben. Aber schnell wird dort, wo Menschen zusammenkommen, das Gemeinsame zum Thema. Probleme werden aufgeworfen, herüber getragen aus einer anderen Situation, oder es entstehen neue, weil Menschen mit ihren Partikularinteressen nun mal verschieden sind, weil sie sich nicht eins sind, über das, was gemeinsames Leben ausmachen solle. Das ist eine Konstante, dieses Wechselspiel von Ruhe und Aufmischung, Handlung und Widerstand: Man setzt sich darüber auseinander, was zu tun sei, will die richtige Umgangsweise finden – die eine, welche beste Chancen auf Erfolg verspricht. Bei dem Freund ist das noch überschaubar, da kommen zwei, drei Ansichten zusammen, meist über Probleme lokaler Art: Wie wollen wir zusammenleben, in diesem kleinen Kreis? Geht das so, wie die Freundin sich verhält, darf man das? Ist es in Ordnung, dass ein Freund einen anlügt, um jemand anderen zu schützen? Wir Menschen sind in der Freiheitsfalle: wir können anders als wir erzogen wurden; wir können einen Denkvorgang zwischen das Bemerken einer Situation und das Ausführen einer konditionierten Handlung schieben. Das ist das Hässliche und zugleich Wunderschöne an uns; das ist unsere Crux und die Möglichkeit unserer Rettung. Aber aus dem Wissen um diese Situation, daraus entsteht Verantwortung.

Die Alternative gibt es im Film „Matrix“ zu sehen. Da ist ein Mensch, dem die Illusion seiner Welt aufgeht, und der den Weg zurück in die Bewusstlosigkeit wählt, durch einen Deal mit den Kräften, die die Matrix aufrechterhalten. Kein Zufall, dass der Mann von den Brüdern Wachowski nicht gerade positiv gezeichnet wird. Nach gewonnener Einsicht zu handeln, sich einem neuen Level an Bewusstheit zu stellen, es nicht mutlos zu verlassen, zu vergessen, im Rausch der Ignoranz – das ist etwas, was auf der Ebene des Subjekts mit Würde und Selbstwert zu tun hat, mit der Einheit von Rede und Handlung, mit der großen Idee, sich selbst gegenüber konsistent zu werden. Auf der Ebene des Kollektivs ist es die einzige Hoffnung, die wir haben. Das Weltklima, die Patentierung des Lebens, die Gefahren von Kernwaffen: Über Handlungen und ihre Alternativen diskutieren, das machen die Leute schon ganz von allein, das geschieht schon immer. Dass aber wir alle an solchen großen Themen beteiligt sind, das ist eine Höhe an Bewusstheit, zu der viele erst aufsteigen müssen. Und wieder ist ein solches Bewusstsein natürlich Fluch und Segen zugleich. Aber in der Wahrheit zu leben, und das bedeutet eben unter Orientierung am Gelingen des gemeinsamen Lebens, erfordert Mut im Sinne verständiger Charakterstärke.

Sich einmischen also – um der Wahrheit eine Chance zu geben, ans Licht zu kommen. Nicht DER Wahrheit schlechthin, mit einem Artikel in Kapitälchen, sondern dem immer Wahreren. Das Gute, das Wahre, das sind regulative Ideale. Wir streben sie an, aber weil uns unsere historisch gewachsenen Formen des Handelns und Denkens in ihren Bedingt- und Beschränktheiten gefangen halten, kommen wir nicht ans absolute Wissen. In einem gewissen Sinne gibt es solch ein Wissen auch gar nicht. Ebenso wie nirgends in der Welt ein Kreis zu finden ist, gibt es immer nur das Bessere, welches wir erst im Rückblick auf Überwundenes erkennen können. Und das bisher Beste ist das im menschlichen Zusammenleben Realisierte, die tradierten Institutionen – das Beste insofern, als es sich im Leben der Menschen als konstruktiv Widersprüche überschreitend erwiesen hat. Näher heran an Wissen kommen wir nicht. Im Prozess der kritischen Teilnahme an der Fortentwicklung dieser Institutionen liegt daher eine Notwendigkeit, damit die menschlichen Konstruktionen auch tatsächlich als gültig und idealiter alle bisherigen Einwände integrierend ausgewiesen werden können; damit nach ihnen gehandelt wird, damit sie Wissen des Guten werden können, damit sie einen gerechtfertigten Aufforderungscharakter beanspruchen können. An diesem Punkt der gemeinsamen kritischen Prüfung setzt mein Gedankengang ein, für die Orientierung in einer Welt, in der die existenziellen Probleme nicht mehr lokal zu sein scheinen – das sind sie natürlich, Recht verstanden, auch; aber zu der Einsicht muss man halt erst einmal kommen und das geschieht nur über den ganz großen Blick. In unser globalisierten Welt muss auch der Prozess der gemeinsamen Prüfung global handlungsleitender Thesen global ablaufen. Und das Instrument, das zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit auch nur ansatzweise dazu verhelfen könnte ist – genau, das Internet.

Wenn die Entwicklung weiter so fortschreitet, dann ist das weltweite Netz bald der öffentliche Raum und die Öffentlichkeit damit so zugänglich wie nie zuvor. Wie viele Menschen haben die ersten Bücher erreicht, die ersten Zeitungen? Und welch einen Zuwachs an Bewusstheit in der öffentlichen Diskussion hat diese Innovation im Laufe der Zeit gebracht! Wie viele mehr, potentielle Teilnehmer am Diskurs, vernetzt nun das Internet? Wie hoch waren einst Hürden wie Verfügung über die Produktionsmittel Druckmaschine und Vertriebsweg; wie leicht springt heute der vernetzte Mensch darüber hinweg und mitten unter die Zeitgenossen! Mal ein bisschen gesponnen: Wie wäre es, wenn der Weltgeist ein Facebook-Profil hätte? Wo jeder Mensch, jede der Veräußerungen des Geistes „hingehen“ könnte, um seine Hinsicht einzugeben, seinen individuellen Blick – seine „Wahrheit“, um für einen Moment mal ungenau, aber populär zu sprechen. In einem Dialog, durch dessen Dynamik von Rede und Widerrede so etwas entstehen kann wie ein gesteigertes Bewusstsein. Ein in letzter Hinsicht globales Bewusstsein, in dem sich jeder als Teil einer gemeinsam handelnden Menschheit erlebt. Denn gemeinsam handeln – das tun wir, ob wir wollen oder nicht. Gemeinsam be-handeln wir diesen Planeten. Gemeinsam be-handeln wir die Natur. In jeder unserer Handlungen, von den ganz kleinen wie dem spontanen Wegwerfen einer Verpackung bis zu den ganz großen wie der Veränderung des Erbgutes von Pflanzen, Tieren und Menschen. Überlässt man diese Bereiche einigen Wenigen, so hat der Weltgeist keine Chance, weiter zu kommen. Je mehr aber an der öffentlichen Diskussion teilnehmen – je mehr die Frage diskutieren: Wie wollen wir zusammenleben, in diesem riesigen, globalen Kreis? – desto mehr Einwände können überwunden werden, desto besser kann unser Handeln werden. Wir sind in einem fundamentalen Sinne aufeinander angewiesen: Im Handeln, da jede deiner Aktionen über Kausalketten mit mir in Zusammenhang gebracht werden kann; aber auch im Denken, da du ein Konglomerat an Zugangsweisen auf den Gegenstand Welt bist, von denen ich viele nicht inne habe.

Fragt sich, welche Sprache wir dort sprechen wollen, auf dem Weltgeist-Profil. Ja, in der bevölkerungsreichsten Region der Welt wird Chinesisch gesprochen. Aber nimmt man „realistischerweise“ an, dass der Anfang der Verwirklichung eines globalen Bewusstseins von Europa und den USA ausgehen wird, wo derzeit die höchste Dichte an gebildeten Internet-Nutzern herrscht, so ist Englisch eine sinnvolle Wahl. Und auch wenn die Idee mit dem Profil auf Facebook eine metaphorische Zuspitzung ist: Warum nicht wirklich die Anbindung an bereits bestehende Institutionen des medialen Lebens? Wenn sich die grüne Revolution im totalitären Iran über Twitter organisieren kann, dann wird ja wohl in demokratischen Staaten der kritische Diskurs über Social Media Plattformen möglich sein. Facebook hat 400 Millionen Nutzer. Je größer die Anzahl der Beteiligten an Beratungsprozessen, desto wahrscheinlicher die Möglichkeit tatsächlicher Einflussnahme auf Entscheidungsträger.

Aus dem Bisherigen lassen sich auch politische Forderungen ableiten. Wenn Demokratie als beste bekannte Organisationsform eines Staates auf der Idee der Teilhabe des Bürgers am Entscheidungsprozess beruht und dieser Prozess unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts nur über global vernetzte Medien geschehen kann, lässt sich daraus ein Recht auf Zugang der möglichst größten Zahl zum Internet folgern. Was ist eigentlich aus diesem per Kurbel angetriebenen 100 Dollar-Laptop geworden, den Bill Gates vor ein paar Jahren Afrika versprach? Lasst uns das Ding produzieren, es der Welt verfügbar machen, lasst die Leute teilhaben am globalen Dialog. Und ja, natürlich, sie müssen sich bilden können, zu kritischen Individuen, damit sie in der Lage sind, Vorschläge und Einwände zu formulieren, und damit sie nicht reinfallen, auf Sophisten und Scharlatane, auf einfache Lösungen, auf falsche Versprechen.

Dass jedem einzelnen die Wichtigkeit gemeinschaftlicher Beratung über weitreichende Forschungsthesen klar werden muss, ist keine Frage. Dass ein solcher Anspruch geradezu weltfremd klingt, auch. Medien sind aber nicht neutral. Globale Vernetzheit schafft globales Denken; einmal begonnen, gewinnt der Prozess öffentlicher Diskussion nur noch mehr an Fahrt, aus sich selbst heraus. Letztendlich hat keiner die Ausrede, ein solcher Prozess sei unsinnig weil hoffnungslos – keiner, der bei Sinnen ist und nicht behauptet, die Zukunft zu kennen. Welcher Mensch vorheriger Zeiten hätte es sich träumen lassen, dass wir einmal ins Weltall fliegen oder Technologien würden entwickeln können, mit denen die Menschheit das vollbringt, was sonst den Göttern vorbehalten war: über die Grundlagen des eigenen Lebens und Sterbens als Menschengeschlecht zu verfügen? Wissen wir denn, was der Weltgeist, dieser undurchsichtige Genosse, noch mit uns vorhat? Wohin die Reise geht? Woher weißt du denn, ob nicht gerade du derjenige bist, der den entscheidenden Vorschlag oder Einwand hat, an dem das Handeln in deiner Welt, der ganz kleinen und der fast unüberschaubar großen, wächst, reift, sich schärft? Für die kleine gibt es den intimen Dialog, in Wohn- und Schlafzimmern, in Autos, Parks, Restaurants. Für die ganz große gibt es das Internet. Erschaffen haben wir es uns schon. Nur derart nutzen müssen wir es auch.

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