DER MILCHBAUER VON MORSUM
Manchmal, unterwegs auf seinem Trecker, hält Bauer Jens Nielsen einen Moment inne. Das Nachmittagslicht streicht warm über die Weiden. Möwen segeln träge im Wind. Man hört nichts außer dem Zwitschern der Vögel, draußen auf den Wiesen am Deich, wo jeder Besucher mit einer Vorwarnzeit von fünf Minuten ankommt – so weit kann der Blick schweifen. »Da draußen ist die Welt noch in Ordnung,« erzählt Bauer Nielsen, locker an die Tür seiner Meierei gelehnt. Dort draußen hat er Zeit, den Alltag auf seinem Hof Revue passieren zu lassen – Alltag, der noch heute dem Leben seiner Vorfahren gleicht, der vier Generationen Nielsens, die auf Sylt von jeher in Milchwirtschaft gemacht haben. Ein Leben in Wind und Wetter, zum mächtigen Takt der Insel. […]

GRENZGÄNGER, ODER: IN NAHER FERNE SO WEIT

Später, wenn wir uns während unserer Wanderung ihren Anfang ins Gedächtnis riefen, wenn die müde getretenen Füße taub wurden und wir im stummen Vorausmarsch den Geist rückwärts stapfen ließen, da sollten wir uns noch oft daran erinnern, an diesen Moment. An den Durchbruch aus dem kühlen Waldhang, herab und hinaus in einen anderen Sommer. An einen anderen Ort, der zugleich näher und ferner war, als wir gedacht hatten. Ein weites, grünes, verwachsenes Tal, von dem der Verstand uns sagte, dass es mitten in Hamburgs reichem Westen lag, nördlich des Elbufers, aber das so verlassen in der Hitze döste, so still und regungslos in seinem eigentümlichen Mittagsschlaf, dass es auch uns einlullte und für einen Moment glauben machte, es sei aus Zeit und Raum gefallen. Erst als wir hinein wanderten, über eine wuchernde Wiese und zwischen Baumgruppen hindurch, tauchte mit dem Anblick einer weißen Villa am äußersten Ende des Tals auch meine Skepsis wieder auf und das Entdeckergefühl verschwand. Aber dieser kurze Moment beim ungläubigen Abstieg, dieser Ausbruch, diese Hoffnung sollte während unserer Wanderung zum Muster werden. So wie dort sollte ich an so vielen Orten unser Mantra wiederholen – ja, auch das war noch Hamburg – immer dann stoisch ergriffen, wenn ich mich als Teil der kleinen, diese unwahrscheinliche Tour gemeinsam bestreitenden Gruppe fühlte; immer dann schmunzelnd, wenn ich wieder zu einem Individuum zusammenschrumpfte, im Bewusstsein der Künstlichkeit unserer Suche. […]

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IT’S COMPLICATED – EIN GLÜCK!

Die Autoren Jonathan Franzen und David Foster Wallace waren Freunde. Gemeinsam hatten sie die Bekämpfung der Einsamkeit des modernen Individuums zur Aufgabe der Literatur erklärt – auf einem leeren Parkplatz in Upstate New York, dem Symbol par excellence für die Entfremdungen des Spätkapitalismus. Das war Ende der Achtziger gewesen, lange bevor die beiden jungen Männer zur Zukunft der amerikanischen Literatur erklärt worden waren; lange bevor sie diese Prophezeiung mit Romanen wie Die Korrekturen und Unendlicher Spaß wahr gemacht hatten. Und lange vor David Foster Wallaces Selbstmord im September 2008, nach Monaten zermürbender Depressionen, während derer Franzen seinem Freund zur Seite gestanden hatte – mit schier unendlicher Geduld und doch, am Ende, vergeblich. […]

READ MORE: It’s Complicated – Ein Glück! Was der US-Autor Jonathan Franzen auf einer einsamen Insel über das Internet lernt (Decision 101-2013)

DER DIGITALE SOUVERÄN   US-Autor David Foster Wallace (1962-2008) hinterließ der Nachwelt nicht nur seinen unvollendeten Roman Der bleiche König. Der Romancier war auch Kulturkritiker, der bereits Mitte der 90er Jahre vor überzogenen Hoffnungen in die Medienrevolutionen des Internetzeitalters warnte. Worauf aber gründete er diesen Pessimismus? Wallace glaubte, im Internet werde sich im Zeitraffer die gleiche Entwicklung abspielen wie in der gesamten Menschheitsgeschichte: „All diese Anarchisten, die darüber nörgeln, dass die Macht in den Händen von Medieneliten liegt, werden einsehen, dass das eigentliche System das diktiert.“ In der gleichen Weise, so Wallace, wie der Despot in Hobbes Leviathan eine logische Folge des gesetzlosen Naturzustands sei. […]

READ MORE: Der digitale Souverän. (Decision 103-2015)