Tim Personn

Writer, Teacher, Musician

Tag: Facebook

Facebook und der Gletscher

Man fahre an einem beliebigen Spätsommertag über den Icefields Parkway, einer zweihundert Kilometer langen Autostraße in den kanadischen Rocky Mountains, und halte an einem der vielen Parkplätze entlang des Highway. Die Luft schmeckt frisch hier, auf zweitausend Metern. Im Schnee der Gipfel spiegelt sich die Nachmittagssonne und zwingt auch denjenigen, der noch nicht von der Weite der Täler und der Höhe der Bergriesen wie geblendet ist, die Augen zu schließen. Für einen Moment ist nur der Wind zu hören, leise, in den Wipfeln der Wälder.

Bis dann, noch ehe man die Augen wieder öffnet, etwas Anderes heran fliegt – ein Rumoren von Klimaanlagen, ein schweres Rollen auf Geröll. Man kann sie erahnen, bevor man sie sieht: Busse voller Touristen, vornehmlich Rentner, eifrige Pilger an entlegene Plätze. Es ist eine Szene, die sich millionenfach wiederholt; überall dort, wo Touristen an historische Stätten und Naturschauplätze gefahren werden. Als Weltwunder werden sie ihnen angepriesen, als not-to-be-missed. Auch auf den Athabasca Gletscher – unweit des Parkplatzes, an dem diese Begegnung stattfindet – finden solche Vokabeln Anwendung. Und so folgt man dem Strom der Touristen, einen asphaltierten Weg entlang, hinauf zur Zunge des Gletschers.

Doch angekommen, findet man statt Erhabenheit nur Ernüchterung. Da liegt die Eiswüste, grell und groß, genau wie auf den Postern im Informationszentrum. Aber etwas fehlt – etwas, das man hier oben zu finden geglaubt hat. Die Leere steht auch den versammelten Ehepaaren ins Gesicht geschrieben. Eine untersetzte Frau in Flip-Flops watschelt durch den Schnee auf einen blanken Felsen zu und fasst es aufrichtig in Worte, dieses vage Gefühl von deja-vu: „Fast so schön wie in Disneyland, der Stein!“ Sagt’s und steigt wieder in den klimatisierten Bus, in dem ihre Flip-Flops nun nicht mehr deplatziert, sondern wohl bedacht wirken.

Was ist das für eine Welt, in der das primäre Ereignis nur auf der Folie seiner Rekonstruktion wahrgenommen wird? In der wir nie bei der Sache selbst sind, sondern stets bei den Faksimiles, den Simulacra? In der die Wirklichkeit enttäuscht, weil sie nicht mit geweckten Erwartungen konform geht? Es ist eine Welt, in der alles Produkt ist – ein Produkt, das sich nach unseren Bedürfnissen zu richten hat, und nicht umgekehrt. Wir sind enttäuscht, frustriert, wenn wir von einem Produkt nicht das bekommen, was wir erwarten. Also gehen wir weiter, in unserem Kaufverhalten sowieso – ist die Möglichkeit der alternativen Wahl nicht die conditio sine qua non des Kapitalismus? – aber auch in Freundschaften, Beziehungen. Wir konsumieren unsere soziale Welt wie einen Sonntagabendfilm. Langweilig? – zap! Langweilig? – unfriend! Das ist die Facebook-Welt – und sie leidet unter einem massiven Mangel an dem, was man in der Entwicklungspsychologie „Frustrationstoleranz“ nennt.

Ein schrecklich moralistischer Ton schleicht sich in diese Betrachtungen. Große Umwälzungen finden nun einmal statt, möchte man sagen, und Facebook ist nicht mehr als ein Symptom, ein Ausdruck veränderter Sozialstrukturen. Was ist daran auch schon so falsch? Soll man seine Zeit in diesem einzigen Leben mit Dingen und Menschen verbringen, die man im Innersten ablehnt? Der Fortschritt macht es möglich, sich nicht mit dem status quo abfinden zu müssen. Jeder kennt das – dieses Gefühl, verdammt dankbar für die Errungenschaften der Moderne zu sein, für ihre Rechte und Chancen, ihre Technologie, ihren Individualismus. Warum auch sollte die Welt nicht optimierbar sein? Jahrtausende alte Fragen scheinen auf, ein Zwist zwischen Intervention und Meditation, zwischen Christentum und Buddhismus – Fragen, die alles andere als beantwortet sind.

Eine logische Fortentwicklung unseres Drangs nach Verbesserung des Gegebenen ist die Verschmelzung von CGI-Technologien mit dem menschlichen Wahrnehmungsapparat. Nichts anderes geschieht in der AR-Bewegung. AR steht für „Augmented Reality,“ was ungefähr so viel heißt wie „erweiterte Wirklichkeit.“ Da wird an Brillen und Kontaktlinsen gearbeitet, die sämtliche verfügbaren Informationen über Orte sammeln und visuell wahrnehmbar machen. Schon heute kommen Benutzer der einschlägigen Mobiltelefone in den Genuss, ihre Welt derart erweitern zu können. Der Mensch, der durch die Straßen einer fremden Stadt geht, bei einem Blick eine Straße hinunter in seinem Gesichtsfeld Restaurants, Shops und sogar die Orte erst kürzlich geschehener Verbrechen angezeigt bekommt, ist daher keine allzu ferne Zukunftsvision. Nur wessen beraubt er sich dabei, dieser Hyperinformierte in seiner optimierten Realität?

Eine Ahnung vom Preis, den er zahlt, lässt sich auf einem Berghang in den kanadischen Rockies finden, auf der anderen Seite des Gletschertales, über einen dicht gewachsenen Tannenwald hinweg. Wenn man plötzlich, unerwartet, nach einer langen Wanderung über dicke Wurzelstämme und sprudelnde Bergbäche schwer atmend ein Plateau erreicht, in der kalten Höhenluft auf dreitausend Metern, und der Blick hinüber fliegt, über das Tal und auf den Gletscher, und dieser auf einmal majestätisch da liegt – ja, geradezu ein anderer geworden ist – und wenn einen ein Gefühl ergreift, das dem Schaudern der ursprünglichen Entdecker wohl näher ist als der Enttäuschung des modernen Touristen.

Die Kommunikationsmöglichkeiten der Facebook-Gesellschaft machen unsere Welt einfacher, leichter navigierbar. Sie eröffnen Chancen des Erlebens – vergleichbar der Bereicherung, die eine gewachsene Mobilität früheren Generationen beschert hat. Das ist, zumindest in meinem Leben, ein Fakt. Andererseits ist ebenso ein Fakt, dass etwas verloren geht, wenn man den Bus nimmt. Derjenige, dem der Aufstieg zum Gletscher erleichtert wird, gelangt paradoxerweise an einen anderen Ort als derjenige, der den langen, steinigen Weg nimmt und vielleicht durch Zufall zum Eis gelangt. Es ist ein anderer Ort, auch wenn es derselbe ist. Denn der Weg modifiziert das Ziel – in den Höhen der Rocky Mountains wie im virtuellen Raum des Internets.

Braucht der Weltgeist ein Facebook-Profil?

Der Weltgeist, proteischer Genosse der Zeit, aus den Wirren des Napoleonischen Europas ins Bewusstsein des Beamtensohns Gottfried Wilhelm Friedrich Hegel gestiegen, um sich nach dessen Ableben im Diesseits der Marxisten einzurichten, fasst sich wieder. In einer Sphäre, wo sich abbildet, was in der Welt so vor sich geht; welche Ideen diskutiert und verwirklicht werden. Wo alle Denkoptionen nebeneinander stehen, gesammelt, in verschiedenen Zeichen und Systemen; wo, in Gänze gedacht, die Gesamtheit des menschlichen Reichtums aufscheint – ein Ausschnitt aus der unendlichen Menge an Aspekten und Hinsichten, die auf den unerreichbaren Gegenstand Welt gerichtet werden können. Die Apologeten der neuen Medien haben Recht, auch wenn sie das anders meinen: Die Wahrheit liegt im Internet – potentiell zumindest.

Hochmetaphorisch das ganze, und doch reden wir kaum anders, vom Schulkind bis zum Geschäftsführer. Man trifft sich im Netz. Man findet auf Facebook etwas über den besten Freund heraus, auf dessen Pinnwand. Später schickt man ihm vielleicht das digitale Äquivalent einer Depesche, schneller als alle Pferde der Welt zusammen. Eine Welt wird da von uns heraufbeschworen, herbeigeredet. Selbstverständlich nicht nur eine reine façon de parler – das dürften diejenigen am besten wissen, die mit in diesem Jenseits verdientem Geld die Miete bezahlen. Manchmal ist es instruktiv, sich abseits zu stellen, wie ein Anthropologe, und diesem merkwürdigen Geschehen zuzuhören, es zu beobachten. Da sitzen Millionen vor kleinen Kästen oder starren auf tragbare Miniaturversionen, reden von unsichtbaren Plätzen und Dingen. Vom Netz – nirgendwo zu finden, hier, im Reich von Raum und Zeit. Von Suchmaschinen – sicher ganz andere Gebilde als die Maschinen, die noch unsere Großväter schweißbefleckt bedient haben. Von Crawlern – kleine Insektenprogramme, die durch das Netz eilen, Informationen aufsammeln wie Bienen Blütenstaub, um sie auf Servern abzuladen, nahrhafter Honig für orientierungshungrige User.

Lauter abstrakte Gegenstände, die wir im Sprechen miteinander erschaffen. Lauter magische Orte und Vorgänge. So anders ist das nicht, wenn ein Voodoo-Priester redet oder wenn der Urmensch die Götter im eigenen Leben walten sieht. Ceres, deren Gnade das Feld fruchtbar macht, die Ernte gelingen lässt. Thor, der Blitze schickt, das Firmament mit seinem Hammer zum Erzittern bringt. Wir glauben uns weit abseits solcher Beschwörungsformeln, aber die Kräfte unserer Zeit sind nicht erdgebundener. Unser Mythos ist das Internet, wo Bewusstsein ausagiert und gespeichert wird, wo der Weltgeist zu sich selbst kommen kann, sich als verwirklicht sehen kann, im unmöglichen Blick auf das Ganze. Wo er seinen eigenen Fortgang beobachten kann, verewigt in Serverfarmen, von heißem Sand umgeben. Wollte man streng reden, wie viele dieser Worte müsste man in Anführungszeichen setzen. Überhaupt, wie viele Worte der Umgangssprache? Unsere Welt auf rein Konkretes zu beschränken wäre nicht nur schade, es wäre auch ein Verlust an Erkenntnis, es würde den Geist beschneiden. Das gemeinsame Sprechen schafft Realitäten. Treffe ich mich mit dir bei Facebook, so ist das, als gingen wir zu einem gemeinsamen Freund. Treffen wir uns auf Facebook, so ist die Internetplattform eine Art digitale Agora.

Diese zweite Metapher deutet aber schon darauf hin, dass hier auch ein Potential versteckt ist. Natürlich kann man sich bei dem Freund nur zum Vergnügen treffen. Auch auf dem antiken Marktplatz mag ja der gemeinschaftliche Aspekt eine Rolle gespielt haben. Aber schnell wird dort, wo Menschen zusammenkommen, das Gemeinsame zum Thema. Probleme werden aufgeworfen, herüber getragen aus einer anderen Situation, oder es entstehen neue, weil Menschen mit ihren Partikularinteressen nun mal verschieden sind, weil sie sich nicht eins sind, über das, was gemeinsames Leben ausmachen solle. Das ist eine Konstante, dieses Wechselspiel von Ruhe und Aufmischung, Handlung und Widerstand: Man setzt sich darüber auseinander, was zu tun sei, will die richtige Umgangsweise finden – die eine, welche beste Chancen auf Erfolg verspricht. Bei dem Freund ist das noch überschaubar, da kommen zwei, drei Ansichten zusammen, meist über Probleme lokaler Art: Wie wollen wir zusammenleben, in diesem kleinen Kreis? Geht das so, wie die Freundin sich verhält, darf man das? Ist es in Ordnung, dass ein Freund einen anlügt, um jemand anderen zu schützen? Wir Menschen sind in der Freiheitsfalle: wir können anders als wir erzogen wurden; wir können einen Denkvorgang zwischen das Bemerken einer Situation und das Ausführen einer konditionierten Handlung schieben. Das ist das Hässliche und zugleich Wunderschöne an uns; das ist unsere Crux und die Möglichkeit unserer Rettung. Aber aus dem Wissen um diese Situation, daraus entsteht Verantwortung.

Die Alternative gibt es im Film „Matrix“ zu sehen. Da ist ein Mensch, dem die Illusion seiner Welt aufgeht, und der den Weg zurück in die Bewusstlosigkeit wählt, durch einen Deal mit den Kräften, die die Matrix aufrechterhalten. Kein Zufall, dass der Mann von den Brüdern Wachowski nicht gerade positiv gezeichnet wird. Nach gewonnener Einsicht zu handeln, sich einem neuen Level an Bewusstheit zu stellen, es nicht mutlos zu verlassen, zu vergessen, im Rausch der Ignoranz – das ist etwas, was auf der Ebene des Subjekts mit Würde und Selbstwert zu tun hat, mit der Einheit von Rede und Handlung, mit der großen Idee, sich selbst gegenüber konsistent zu werden. Auf der Ebene des Kollektivs ist es die einzige Hoffnung, die wir haben. Das Weltklima, die Patentierung des Lebens, die Gefahren von Kernwaffen: Über Handlungen und ihre Alternativen diskutieren, das machen die Leute schon ganz von allein, das geschieht schon immer. Dass aber wir alle an solchen großen Themen beteiligt sind, das ist eine Höhe an Bewusstheit, zu der viele erst aufsteigen müssen. Und wieder ist ein solches Bewusstsein natürlich Fluch und Segen zugleich. Aber in der Wahrheit zu leben, und das bedeutet eben unter Orientierung am Gelingen des gemeinsamen Lebens, erfordert Mut im Sinne verständiger Charakterstärke.

Sich einmischen also – um der Wahrheit eine Chance zu geben, ans Licht zu kommen. Nicht DER Wahrheit schlechthin, mit einem Artikel in Kapitälchen, sondern dem immer Wahreren. Das Gute, das Wahre, das sind regulative Ideale. Wir streben sie an, aber weil uns unsere historisch gewachsenen Formen des Handelns und Denkens in ihren Bedingt- und Beschränktheiten gefangen halten, kommen wir nicht ans absolute Wissen. In einem gewissen Sinne gibt es solch ein Wissen auch gar nicht. Ebenso wie nirgends in der Welt ein Kreis zu finden ist, gibt es immer nur das Bessere, welches wir erst im Rückblick auf Überwundenes erkennen können. Und das bisher Beste ist das im menschlichen Zusammenleben Realisierte, die tradierten Institutionen – das Beste insofern, als es sich im Leben der Menschen als konstruktiv Widersprüche überschreitend erwiesen hat. Näher heran an Wissen kommen wir nicht. Im Prozess der kritischen Teilnahme an der Fortentwicklung dieser Institutionen liegt daher eine Notwendigkeit, damit die menschlichen Konstruktionen auch tatsächlich als gültig und idealiter alle bisherigen Einwände integrierend ausgewiesen werden können; damit nach ihnen gehandelt wird, damit sie Wissen des Guten werden können, damit sie einen gerechtfertigten Aufforderungscharakter beanspruchen können. An diesem Punkt der gemeinsamen kritischen Prüfung setzt mein Gedankengang ein, für die Orientierung in einer Welt, in der die existenziellen Probleme nicht mehr lokal zu sein scheinen – das sind sie natürlich, Recht verstanden, auch; aber zu der Einsicht muss man halt erst einmal kommen und das geschieht nur über den ganz großen Blick. In unser globalisierten Welt muss auch der Prozess der gemeinsamen Prüfung global handlungsleitender Thesen global ablaufen. Und das Instrument, das zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit auch nur ansatzweise dazu verhelfen könnte ist – genau, das Internet.

Wenn die Entwicklung weiter so fortschreitet, dann ist das weltweite Netz bald der öffentliche Raum und die Öffentlichkeit damit so zugänglich wie nie zuvor. Wie viele Menschen haben die ersten Bücher erreicht, die ersten Zeitungen? Und welch einen Zuwachs an Bewusstheit in der öffentlichen Diskussion hat diese Innovation im Laufe der Zeit gebracht! Wie viele mehr, potentielle Teilnehmer am Diskurs, vernetzt nun das Internet? Wie hoch waren einst Hürden wie Verfügung über die Produktionsmittel Druckmaschine und Vertriebsweg; wie leicht springt heute der vernetzte Mensch darüber hinweg und mitten unter die Zeitgenossen! Mal ein bisschen gesponnen: Wie wäre es, wenn der Weltgeist ein Facebook-Profil hätte? Wo jeder Mensch, jede der Veräußerungen des Geistes „hingehen“ könnte, um seine Hinsicht einzugeben, seinen individuellen Blick – seine „Wahrheit“, um für einen Moment mal ungenau, aber populär zu sprechen. In einem Dialog, durch dessen Dynamik von Rede und Widerrede so etwas entstehen kann wie ein gesteigertes Bewusstsein. Ein in letzter Hinsicht globales Bewusstsein, in dem sich jeder als Teil einer gemeinsam handelnden Menschheit erlebt. Denn gemeinsam handeln – das tun wir, ob wir wollen oder nicht. Gemeinsam be-handeln wir diesen Planeten. Gemeinsam be-handeln wir die Natur. In jeder unserer Handlungen, von den ganz kleinen wie dem spontanen Wegwerfen einer Verpackung bis zu den ganz großen wie der Veränderung des Erbgutes von Pflanzen, Tieren und Menschen. Überlässt man diese Bereiche einigen Wenigen, so hat der Weltgeist keine Chance, weiter zu kommen. Je mehr aber an der öffentlichen Diskussion teilnehmen – je mehr die Frage diskutieren: Wie wollen wir zusammenleben, in diesem riesigen, globalen Kreis? – desto mehr Einwände können überwunden werden, desto besser kann unser Handeln werden. Wir sind in einem fundamentalen Sinne aufeinander angewiesen: Im Handeln, da jede deiner Aktionen über Kausalketten mit mir in Zusammenhang gebracht werden kann; aber auch im Denken, da du ein Konglomerat an Zugangsweisen auf den Gegenstand Welt bist, von denen ich viele nicht inne habe.

Fragt sich, welche Sprache wir dort sprechen wollen, auf dem Weltgeist-Profil. Ja, in der bevölkerungsreichsten Region der Welt wird Chinesisch gesprochen. Aber nimmt man „realistischerweise“ an, dass der Anfang der Verwirklichung eines globalen Bewusstseins von Europa und den USA ausgehen wird, wo derzeit die höchste Dichte an gebildeten Internet-Nutzern herrscht, so ist Englisch eine sinnvolle Wahl. Und auch wenn die Idee mit dem Profil auf Facebook eine metaphorische Zuspitzung ist: Warum nicht wirklich die Anbindung an bereits bestehende Institutionen des medialen Lebens? Wenn sich die grüne Revolution im totalitären Iran über Twitter organisieren kann, dann wird ja wohl in demokratischen Staaten der kritische Diskurs über Social Media Plattformen möglich sein. Facebook hat 400 Millionen Nutzer. Je größer die Anzahl der Beteiligten an Beratungsprozessen, desto wahrscheinlicher die Möglichkeit tatsächlicher Einflussnahme auf Entscheidungsträger.

Aus dem Bisherigen lassen sich auch politische Forderungen ableiten. Wenn Demokratie als beste bekannte Organisationsform eines Staates auf der Idee der Teilhabe des Bürgers am Entscheidungsprozess beruht und dieser Prozess unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts nur über global vernetzte Medien geschehen kann, lässt sich daraus ein Recht auf Zugang der möglichst größten Zahl zum Internet folgern. Was ist eigentlich aus diesem per Kurbel angetriebenen 100 Dollar-Laptop geworden, den Bill Gates vor ein paar Jahren Afrika versprach? Lasst uns das Ding produzieren, es der Welt verfügbar machen, lasst die Leute teilhaben am globalen Dialog. Und ja, natürlich, sie müssen sich bilden können, zu kritischen Individuen, damit sie in der Lage sind, Vorschläge und Einwände zu formulieren, und damit sie nicht reinfallen, auf Sophisten und Scharlatane, auf einfache Lösungen, auf falsche Versprechen.

Dass jedem einzelnen die Wichtigkeit gemeinschaftlicher Beratung über weitreichende Forschungsthesen klar werden muss, ist keine Frage. Dass ein solcher Anspruch geradezu weltfremd klingt, auch. Medien sind aber nicht neutral. Globale Vernetzheit schafft globales Denken; einmal begonnen, gewinnt der Prozess öffentlicher Diskussion nur noch mehr an Fahrt, aus sich selbst heraus. Letztendlich hat keiner die Ausrede, ein solcher Prozess sei unsinnig weil hoffnungslos – keiner, der bei Sinnen ist und nicht behauptet, die Zukunft zu kennen. Welcher Mensch vorheriger Zeiten hätte es sich träumen lassen, dass wir einmal ins Weltall fliegen oder Technologien würden entwickeln können, mit denen die Menschheit das vollbringt, was sonst den Göttern vorbehalten war: über die Grundlagen des eigenen Lebens und Sterbens als Menschengeschlecht zu verfügen? Wissen wir denn, was der Weltgeist, dieser undurchsichtige Genosse, noch mit uns vorhat? Wohin die Reise geht? Woher weißt du denn, ob nicht gerade du derjenige bist, der den entscheidenden Vorschlag oder Einwand hat, an dem das Handeln in deiner Welt, der ganz kleinen und der fast unüberschaubar großen, wächst, reift, sich schärft? Für die kleine gibt es den intimen Dialog, in Wohn- und Schlafzimmern, in Autos, Parks, Restaurants. Für die ganz große gibt es das Internet. Erschaffen haben wir es uns schon. Nur derart nutzen müssen wir es auch.

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